Dieses ungeschriebene Gesetz kann ich selbst als Außenstehender inzwischen nur bestätigen, nachdem wir am ersten Tag in San Francisco „The Rock“ besucht haben. Obwohl es chronologisch nicht mehr so ganz an diese Stelle passt, möchte ich trotzdem noch die Gelegenheit nutzen und ein paar Dinge zu unserer Tour nach Alcatraz niederschreiben, weil mich diese völlig andere Welt doch ziemlich in ihren ganz eigenen, teilweise sehr bedrückenden Bann gezogen hat. Und auch gut, dass wir diese Tour unternommen haben, obwohl ich von vornherein mehr Begeisterung dafür versprüht habe als Sarah =)
Nach einer ca 20 minütigen Überfahrt mit der Fähre vom Festland auf die Gefängnisinsel und einer Begrüßung durch einen dienstmäßig gekleideten Ranger, der die wichtigsten wissenswerten Dinge den Ankömmlingrn berichtet hat, gab es zur Einstimmung einen (freiwilligen) Filmvortrag. Dieser informierte über einige interessante Dinge zur Entstehung, zur Geschichte, zum Betrieb bis hin zur Schließung von Alcatraz. Richtig spannend wurde es dann allerdings dann, als wir uns die „Hörgeräte“ für die geführte Audiotour geschnappt haben. Sicherlich hat schon der ein oder andere eine geführte Audiotour mitgemacht. Was das ganze allerdings erst recht atmosphärisch und bedrückend gemacht hat, war die Tatsache, dass die komplette Audiospur von ehemaligen Häftlingen und Wärtern gesprochen wurde, die erwartungsgemäß über viele, unheimliche Geschehnisse während der aktiven Zeit von Alcatraz berichten.
Der eigentliche Zellenkomplex besteht aus unterschiedlichen „Straßen“, die sogar eigene Namen tragen. In jeder Straße gibt es ca 30 Zellen nebeneinander, jeweils auf insgesamt drei Ebenen übereinander. Aus diesem Grund sind bereits die unbewohnten Zellen ein imposanter Anblick. So werden beispielsweise alle Neuankömmlinge zunächst auf dem „Boulevard“ untergebracht. Der „Broadway“ war allerdings der beliebteste Unterbringungsort, weil man von hier aus den Sonnenuntergang durch die im Gebäudedach eingelassenen Fenster anschauen konnte. Auch gibt es eine Bibliothek, jedoch muss man sich das Privileg, Bücher oder sogar Zeitschriften ausleihen zu dürfen, erst durch positive Führung mühevoll verdienen. Überhaupt konnte man nicht wirklich positiv auffallen, es war allerdings empfehlenswert, sich strikt an die Regeln zu halten. Am meisten gefürchtet waren jedoch einige Zellen abseits von allen anderen in einem weiter entfernten Teil des Gebäudes. Hier kamen Aufständische zur Einzelverwahrung her. Waren sie dann noch immer nicht einsichtig, kamen sie in die Isolationshaft: Eine 3 mal 3 Meter „große“ Zelle, die mit einer massiven Stahltür verschlossen wurde und es deshalb im Inneren absolut totenstill war. Eigentlich waren die Wärter dazu angehalten, das Licht eingeschaltet zu lassen, jedoch hat sich wohl nur sehr selten jemand daran gehalten. Es war also auch noch absolut dunkel, so dass man die eigene Hand vor Augen nicht mehr erahnen konnte. Ein Insasse berichtet, dass er sich ablenken musste, um nicht wahnsinnig zu werden. Dazu riss er sich einen Knopf von seinem Overall ab, schmiss ihn in die Luft, wartete, bis er auf dem Boden landete. Dann begann er, ihn wiederzusuchen, immer und immer wieder. Und das oft stunden- und tagelang. Auch beschrieb er, wie er sich einfach seine flache Hand fest vor die Augen presste bis er irgendwann begann, einzelne Bilder, teilweise sogar ganze Filme ablaufen zu sehen. Man brauchte nur genügend Vorstellungskraft. Man wollte lieber tot sein, als mehrere Tage in der Isolationszelle zu verbringen.
Die Wärter, die direkt im Zellenblock Wache hielten, durften niemals Waffen bei sich tragen, für den Fall, dass es einmal zu Aufständen kommen und sich Gefangene aus ihren Zellen befreien konnten. Denn dann bestand Lebensgefahr. Nur in der „Gun Gallery“, einer Art vergitterten Empore in ca 2,50 m Höhe, war ein bewaffneter Wärter unterwegs, stets in der Lage, auf jeden Gefangenen schießen zu können. Trotz der hohen Sicherheitsvorschriften kam es im Mai 1946 zu einer blutigen, tödlichen Auseinandersetzung. Hierbei konnten mehrere Wärter überwältigt werden, einer der Ausbrecher hatte sich mit simplen Materialien einen „bar spreader“ gebastelt, mit dem er die Gitterstäbe seiner Zelle weit genug auseinanderdrücken konnte. Die Gefangenen entwaffneten einen der Wärter, sperrten ihn in eine Zelle ein und gerieten dermaßen in Ekstase, dass sie den Wehrlosen schließlich in der Zelle erschossen. Heute steht eine Gedenktafel an genau dieser Stelle. Die Aufständischen waren nicht mehr alleine durch das Gefängnispersonal unter Kontrolle zu bringen, so dass sogar das amerikanische Militär zur Hilfe geholt werden musste. Die Gefangenen hatten einige Geiseln genommen, um die Flucht mit einem Schiff zu erpressen. Das Militär schlug den Aufstand nach einigen Tagen gewaltsam nieder. Ich habe mir andächtig die Spuren der explodierten Granaten im Boden angesehen, die noch immer gut zu erkenne sind. Die Granaten sind einfach durch ein Loch im Dach ohne Rücksicht auf Verluste in den Zellentrakt geworfen worden.
Auch beschreibt ein ehemaliger Aufseher sehr eindringlich, dass er sich während seines Rundgangs bei der Spätschicht oft sehr unwohl gefühlt hat. Viele der Gefangenen, die mit dem Kopf zum Gitter hin schlafen mussten, haben geschnarcht, mit offenen Augen geschlafen oder einfach nur mit den Zähnen geknirscht. Gänsehaut pur!
Bei den Spekulationen um den Verbleib von drei Flüchtlingen (eigentlich vier, einer musste aus Zeitgründen zurückbleiben) im Juni 1962 gehen die Meinungen auseinander. Die Männer hatten sich über Monate aus unterschiedlichen Materialien ihre eigenen Köpfe nachgebildet und als Attrappen in ihre Betten gelegt. Weil dies erst am nächsten morgen festgestellt worden ist, hatten sie einige Stunden Vorsprung und waren durch die Versorgungsschächte geflüchtet. Ob sie ertranken, von Haien gefressen worden sind, oder es geschafft haben und noch immer unerkannt ihr eigenes Leben führen, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
Besonders schwierig war der Aufenthalt auch deswegen, weil man von Alcatraz einen einmaligen Blick auf die Skyline von San Francisco und auf die Golden Gate Bridge genießen kann. Allerdings liegt zwischen Festland und Alcatraz der eiskalte Pazifik. Die Überlebenswahrscheinlichkeit ist also nicht besonders hoch. Auch war es eine Strafe, wenn man Sylvester Feuerwerke beobachten und dier ausgelassenen Stimmung der Menschen lauschen konnte, die durch den Wind zum „Rock“ herübergetragen wurden.
Wie gesagt war die Tour ein absolutes Highlight für mich. Auch wenn man nur selten Fotos schießen kann, auf denen kein anderer Tourist zu sehen ist. Stellt man sich allerdings vor, was die Menschen dort durchgemacht haben, kann ich mir nur kaum vorstellen, dass sich jemand nicht davon anstecken lässt.
http://www.westkueste-usa.de/2007/mn_San_Francisco_Alcatraz_Insassen.htm
Wenn ihr nach Hause kommt, guckt euch bloß nicht den während der Führung sicher zwanzig mal genannten Film "The Rock" an (obwohl dieser auf seine eigene Weise auch ein ganz geiler Film ist mit grandiosem Hans Zimmer Sound), sondern lieber die "Flucht von Alcatraz" mit Clint Eastwood. Der inzwischen Uralt-Film fetzt richtig, wenn man vor nicht allzu langer Zeit dort war.
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