Die erste richtig interessante Episode meines Arbeitsalltags:
Nachdem ich total begeistert war, dass sich der ganze Newsroom-Staff um 7 Uhr morgens getroffen hat, um gemeinsam Netball zu schauen (ich weiß jetzt, dass dieses Basketball-ähnliche Spiel der Nationalsport der Frauen ist – warum man ihn Basketball vorziehen sollte, habe ich aber nicht verstanden..) habe ich mich dem gern angeschlossen, auch um mal ein bisschen zu socializen. Als Laura, neben der ich zufällig saß, auf einmal anfing hektisch Notebook und Aufnahmegerät zusammen zu packen und ich mich bei ihr und Lesley schon peinlich angebettelt habe mitgehen zu dürfen, wusste ich noch nicht so wirklich was mich erwartet.
Zur Einführung: Stellt euch vor, ein Kind verschwindet. Ein zweijähriges Mädchen in einem friedlichen Vorort einer Großstadt, am hellichten Tag, aus dem Nichts. Und stellt euch vor, nicht nur Nachbarn, nicht nur die Polizei, sondern ein ganzes Land sucht nach dem Mädchen. Hofft und betet mit den Eltern. Und stellt euch vor, eine Woche nachdem sie verschwunden ist, findet die Polizei die Leiche des Mädchens, nicht weit vom Haus entfernt. Stellt euch vor, sie ist ertrunken, in einem großen Regenabfluss, wie ein Gulli, nur ungesichert. Und die Polizei muss sich rechtfertigen, warum sie die Leiche nicht früher gefunden haben. Und die Stadtwerke müssen sich rechtfertigen, warum ihre Abflüsse so unsicher sind. Und jeden Tag ist das die Titelstory der einzigen überregionalen Tageszeitung. Und stellt euch vor, ein ganzes Land weint mit den Eltern um ihre Tochter. So, und stellt euch jetzt vor, es ist die Beerdigung des Mädchens – und ihr seid dabei.
Was soll ich sagen? Aisling Symes – der Name ist meines Wissens nicht nach Deutschland vorgedrungen. Aber hier war er in den letzten 14 Tagen kein anderer Name so präsent. Ich habe noch nie so einen Medienauflauf gesehen glaube ich. Ich meine, es waren alle neuseeländischen Medien da. Alle. Also außer Lokalzeitungen der Südinsel oder so, die darüber nicht berichten. Channel one war mit 4 Autos + Übertragungswagen da. 7 schwarz angezogene Männer mit Sonnenbrille (ich hab immer Men in Black gesagt) sind ausgestiegen. Es gab drei Pressemenschen, die Plätze angewiesen haben, Kabel weggeräumt haben usw. Es war das längste Briefing, das ich je erlebt habe. No filming at the front, nobody sitting with the family, no microphones, no camera-clicking at these parts oft he ceremony.
Besonders verwirrt hat mich der herzliche Umgang der Journalisten miteiander. Mit vielen habe ich mich sogar nett unterhalten. Alle wollen immer wissen aus welchem Teil Deutschlands man kommt und so. Und wie man dazu kommt ein INternship in NZ zu machen… tja… Irre war besonders, dass sich alle Radiosender das Material geteilt haben!!!! Also die Radio New Zealand Tante hat’s aufgezeichnet, ins Netz hochgeladen und alle konnten es verwenden! Außerdem haben die untereinander ausgetauscht weilche Töne und welche Nachricht sie zur vollen und welche zur halben Stunde bringen. Und hinterher hab ich einen nochmal nach nem Namen gefragt, denn wir nicht ganz verstanden haben und uach den haben wir bekommen. Irre. Während der Zeremonie haben sogar zwei Print Tussis sich mitfühlend über die Hand gestreichelt und die Sonnenbrille aufgesetzt. Und zwar als die Tante gesagt hat: „Her name, Aisling Celine, means vision of heaven – but she wasn’t supposed to see it so soon“… berührend war auch die Zeremonie vor der Kirche. Als die Eltern eine weiße Taube haben fliegen lassen. Und beide gar nicht richtig loslassen konnten. Und mit zusammengekniffenen Lippen dem Vogel nachgeschaut haben. Da hat Laura richtig feuchte Augen bekommen, ich habs gesehen! Ich fand noch emotionaler, dass eine Taube eine Feder verloren hat – und jemand die Feder Aislings Schwester Caitlin gegeben hat, die die ganze Zeit fest die Feder umklammert hat. Naja, was soll ich erzählen, es war eine Beerdigung. Wie die Amerikaner feiern die Neuseeländer das aber auch persönlciher. Ein Quartett hat moderne christliche Lieder gesungen, mit Klavierbegleitung. Die Familie hat selbst den Sarg getragen. Die Familie hatte selbst eine Power-Point-Präsentation mit Fotos aus dem Leben von Aisling vorbereitet. Ungefähr 10 Familienmitglieder haben was erzählt. Der Pfarrer und seine Predigt sind dabei selbst in den Hintergrund gerückt – obwohl es für ihn schon krass war, weil die Todesnachricht kam, als er und die Eltern und Gemeindemitgleider in einem Prayer-circle gebetet haben – für Aisling.
Dass ein ganzes Land gelitten hat, haben auch echt die vielen Briefe, Karten, Kerzen, Kuscheltiere gezeigt. Der ganze Saal war voll. Und weil die Kleine offensichtlich Winnie Puh mochte, saß nicht nur einer auf ihrem Sarg, sondern auch viele, viele weitere auf der Bühne im Gemeindesaal.
So grausam das alles war, war es für mich wirklich eine faszinierende Erfahrung – vor allem, weil die Journalisten da alle so nett zueinander waren, sich geholfen haben usw. außerdem war es nett mal aus dem Newsroom rauszukommen. Und natürlich zu sehen, wie man radio-mäßig tickert – nämlich über 5 stunden jede halbe Stunde eine neue Nachricht macht. Ich hoffe ich komme noch öfter raus, das ist da nämlich nicht so üblich… aber nächstes Mal dann bitte keine Beerdigung.
Die Fotos zeiegn die Berichterstattung der Wochenendausgabe des New Zealand Herald.
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