Fuer alle, die uns - oder wohl eher mir - sagen, wir schreiben zu viel, dieser Eintrag hat weder was mit Urlaubsfeeling zu tun noch gibts spannende Fotos. Ihr koennt also getrost an dieser Stelle aufhoeren zu lesen - ich sag dann im naechsten Post Bescheid, wenns wieder interessant wird.
Alle die nix Besseres zu tun haben oder sich fuer Medien und die Arbeit von Journalisten in NZ interessieren - das koennte interessant fuer euch sein.
Ich weiss nicht, ob ich einfach naiv bin oder ob folgenedes Erlebnis vielleicht doch mehr Leuten als nur mir unter die Haut geht.
Letzte Woche durfte ich in eine Gerichtsverhandlung. Ich war froh, als James, so alt wie ich, Reporter mit leib und Seele, mich gefragt hat ob ich mit ins Gericht kommen moechte, als ich mal wieder nennen wir es "semi-interessiert" in die Gegend geguckt habe. Das Urteil der Jury wurde erwartet "it's not gonna exciting, lots of waiting probably" warnte er mich, aber ich war natuerlich interessiert. "The case is kind of interesting" erzaehlte er im taxi auf dem Weg zum stylishen High Court. Ich wollte aber nicht weiter fragen, weil der Taxifahrer gerade begeistert von seinem neuen Auto erzaehlt hat. Taxifahrer tragen hier uebrigens alle Anzug und Krawatte und die Taxis gehoeren ihnen selbst - eine andere Welt irgendwie, sogar im Taxi.
Als wir die Treppe zum Gerichtssaal hochgegangen sind, haben wir zahlreiche Medienvertreter getroffen... von zwei fernsehsendern, zwei radiosendern, zwei Zeitungen und NZPA, der neuseelaendischen Agentur. Wir sind direkt in den Gerichtssaal gegangen, als ich James noch schnell nach nem briefing gefragt habe, hat er scnell gesagt: "they're deciding on murder" - Mord oder Totschlag erfuhr ich spaeter.
Nicht, dass ich noch nie als Journalist im Gericht gewesen waere. Aber nie bei einem Mordfall. Wir haben auch noch genau hinter dem Angeklagten gesessen. Ich weiss noch, dass ich mir nichts dabei gedacht habe. Der Typ sah schick gekleidet aus. Punkt. Ich hab mir mehr die Medienleute angeschaut und die Geschworenen, das hat mich so an amerikanischen Film erinnert. Und ich weiss noch, dass ich mich geaergert habe, dass ich mein Kaesebrot vergessen hab und irgendwie Hunger hatte.
Der Appetit ist mir schnell vergangen. Ein Gerichtshelfer rollte eine Leinwand runter, die Secretary machte den Beamer an. "Jury, is this what you wanted to see"? Fragt der Richter. Der Jury-Sprecher steht auf: "Yes Sir". "Footage 3" ruft die Secretary-Tante und im abgedunkelten Saal herrscht schweigen.
Man sieht einen Block Zellen, von oben links. Ueberwachungskamera. Die Kamera zeichnet nur ein Bild pro Sekunde (oder so) auf, das heisst, es ruckelt. Ein Mann kommt aus der zelle raus, laeuft den Gang hinter. Alles unspektakulaer. Hat etwas von Blair Witch (kennt jemand den Film???) die Qualitaet ist schlecht, das Bild ruckelt. Doch auf einmal schubst ein Mann, einen Glatzkoepfigen. Der zueckt einen spitzen Gegenstand und sticht zu. Aus dem nichts, mehrmals, abermals. Der andere sackt zu Boden. Und der glatzkopf geht zurueck in seine Zelle. Der andere bleibt liegen. So bleibt das Bild eine gefuehlte Ewigkeit. Das Licht geht an. "Jury, was this what you had asked for?" fragt der Richter. Der Jury-Sprecher steht auf. "Yes, Sir."
Die Verhandlung wird unterbrochen, die Jury zieht sich zurueck. Die Journalisten stehen auf, der Saal wird geraeumt. "Now we're gonna wait" sagt James, ich nicke. Hunger hab ich nicht mehr. Das alles wirkt so surreal, so fake, wie im schlechten Film. Auch die Dialoge im Saal. Diese geschworenen. Der Gefangene, der noch direkt vor mir aufsteht, abgefuehrt wird. Es ist der Glatzkopf.
Auf dem Flur erfahre ich, dass Graeme Burton Neuseelands schlimmster Verbrecher ist. 154 Straftaten total, die meisten davon bis zum 17. Lebensjahr. Seitdem ist er im Gefaengnis, zweimal Lebenslaenglich hat er bekommen fuer drei Morde. Jetzt steht er erneut vor Gericht fuer die Attacke im Knast. Neuseeland wartet, dass er in ein Dreckloch geworfen wird, sagen die Journalisten. es scheint die Medien hoffen auf eine Todesstrafen-Diskussion. Er aggiere ueberlegt und kalkuliert sagt ein Polizist. Der selbe wird nach der Verhandlung ins Mikro sagen: "The sad thing is, that he has nothing to lose anymore"
Wir verbringen den ganzen Tag dort. Immer wieder wollen die geschworenen noch mal Material sichten. Sie sind sich nicht einig. Sie muessen einstimmt abstimmen. Die Journalisten auf dem Flur fragen sich, ob die dunkelhaarige Huebsche eine Aktivistin ist - und fuer Burton spricht. Unglaublich, diese persoenlichen Diskussionen ueber die Geschworenen. Die Medien wissen scheinbar alles ueber die 12 Personen, die darueber abstimmen, ob der schlimmste Verbrecher des Landes nun in Isolationshaft kommt - denn das Gefaengnis wird er mit seinen jetzt 40 Jahren so oder so nicht mehr verlassen.
Gott sei Dank unterhalten wir uns sehr nett mit den anderen Reportern, besonders den Reporter von NZPA finde ich sehr nett. Alle bewundern mich dafuer overseas zu arbeiten. Die meisten koennen sich nicht vorstellen, dass oder warum ich das unbezahlt machen sollte. Alle freuen sich, dass ich Lobeshymnen auf ihr schoenes Land singe. Und alle sind interessiert an dem deutschen Rechtssystem - ohne Geschworene und bei dem Journalisten solche Videos und solche Daten, wie sie sie alle haben nicht bekommen wuerden...
Journalisten duerfen hier alles. Fotos zeigen, Namen nennen, sie duerfen ueberall rein und mit jedem sprechen.
das ist in Deutschland schon ETWAS anders :) aber da geh ich jetzt mal nicht ins Detail.
Abends dann endlich das Urteil: Schuldig. Man ist sich einig geworden, das Land scheint zufrieden, sein Anwalt sagt nicht viel, der Glatzkopf lacht. Ich sitze nicht mehr hinter ihm, sondern am anderen Ende des Raumes. Ich glaube schlimmer noch, als diesen Mord zu sehen (und wenn es nur auf Video war....) war es, ihn ueber das Urteil lachen zu hoeren. Als ob es ihm alles egal waere. Beangstigend.
Das offizielle Urteil kommt im Dezember. Ohne Geschworene. Ohne Beweismaterial.
Und wahrscheinlich ohne mich. Vielleicht ist das auch besser - in jedem Fall fuer mein Seelenheil.
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Oh man, echt gruselig... Aber wahnsinnig, was ihr da so alles erlebt!
AntwortenLöschenLiebe Grüße, auch von Alex!
Nicole